4. November 2026

Die KI kämpft mit: Was die US-Midterms über die Zukunft der Wahlkämpfe verraten

New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani klingt auf einmal so anders: „Mir doch egal, wenn New York zu teuer ist – sowieso nicht meine Schuld.“ Wer nur diesen Videoschnipsel sieht, wird möglicherweise glauben, dass der Medienliebling einen radikalen Kurswechsel vollzogen hat. Aber: So echt der Clip wirkt – alles fake.

Willkommen zu den ersten echten KI-Wahlen in großem Stil in der Geschichte – die Midterms in den USA 2026 gelten als das große Versuchslabor, das die Auswirkungen flächendeckender KI-Nutzung in Wahlkampagnen westlicher Demokratien aufzeigt.

Wahlkämpfe in den USA waren auch schon vor Social Media getrieben von Wahlwerbespots und Bewegtbild. Das Potenzial zu schnellen, bequem produzierbaren und billigen KI-generierten Inhalten bringt das auf ein ganz neues Level.

Dabei ist die Erstellung von KI-Clips und Visuals durch KI nur ein Teilbereich. KI ist auch für andere Wahlkampfaktivitäten ein wichtiger Partner: Messerscharfes Microtargeting auf der Basis von Census-Dateien und optimiert durch KI ermöglicht passgenaue Botschaften wie nie; und erstmals wurde GEO (Generative Engine Optimization) in großem Stil ausprobiert, also die Absicht der Kandidaten, durch Contentpflege und -platzierung in den gängigen Sprachmodellen gut wegzukommen und vielleicht sogar eine Wahlempfehlung zu erhaschen.

In der folgenden Betrachtung soll es nur um KI-generierten Content gehen. Erste Learnings aus den Midterms sind:

  1. KI-Boom im Wahlkampf: Das Werbebudget für KI-generierte Inhalte ist brutal gewachsen (laut dem Medienforschungszentrum Wesleyan Media Project ein Anstieg von 50.000 US-Dollar im Jahr 2024 auf 137 Mio. US-Dollar in diesem Jahr). Inhalte, die pro-republikanisch sind, kommen in der Gruppe KI-generierter Inhalte deutlich häufiger vor – vermutlich, weil die Anhänger der Demokraten als KI-kritischer gelten.
  2. Ein Flickenteppich an Regelungen: Da es in den USA keine einheitliche Gesetzgebung auf Bundesebene gibt, behandelt jeder Staat eine Pflicht zur Offenlegung von KI-Inhalten anders. „Satire“ und „Parodie“ werden von vielen Bundesstaaten von der Kennzeichnungspflicht ausgenommen und sind dabei eine Hintertür für Deepfakes. Deren Urheber sind aber wohl weniger auf Lacher aus als darauf, dass möglichst viel „hängen bleibt“.
  3. Offen: Was ist „Satire“ – was ist „Deepfake“?
  • Dem demokratischen Senatskandidaten in Texas, James Talarico, werden in einem täuschend echt produzierten Video aus dem Kontext gerissene Äußerungen zu christlichen Überzeugungen in den Mund gelegt, während sein digitales Abbild in dem Deepfake in einer Bibel Streichungen und Änderungen vornimmt. (LINK)
  • In einem besonders krassen Beispiel erklärt der Deepfake-Klon des Senators von Georgia, Jon Ossoff, dass ihm die Farmer egal sind und nur seine Parteispender am Herzen liegen – Farmen kennt er ohnehin nur von Instagram. (LINK)
  • Auch Zohran Mamdani, der nicht einmal zur Wahl steht, bleibt nicht verschont: In einem beeindruckend realistischen Fake-Zwiegespräch mit der demokratischen Gouverneurin Kathy Hochul gibt er vermeintlich zu, dass New York – entgegen seinen Plänen – nun leider doch teurer für alle würde. Ätsch, reingelegt. (LINK)

Alle diese Beispiele kommen nicht etwa von besonders engagierten Unterstützern, die übers Ziel hinausschießen, sondern wurden von den offiziellen Wahlkampfbüros der politischen Mitbewerber produziert.

  1. Kennzeichnung? It’s complicated! Generell gehen die Wahlkämpfer eher sparsam mit Kennzeichnung um. Nur gut ein Viertel der vom Wesleyan Media Project untersuchten Clips mit KI trägt eine Kennzeichnung. Nicht bei allen ist das per se böswillig: Viele Wahlkämpfer fürchten den „Disclaimer-Effekt“, der die ausgewiesene Nutzung von KI, z. B. zur Bildbearbeitung, auf eine Stufe mit Deepfakes stellt. Die Meinung der Produzenten: Entscheidend ist nicht die Nutzung von KI-Tools, sondern die Täuschungsabsicht.
  2. Manche Deepfakes kommen oft ohne Absender: Kurz vor der Wahl tauchten KI-manipulierte Videos z. B. gegen James Talarico auf, als „Geständnis“ eines vermeintlichen ehemaligen Schülers von Talarico, der früher als Lehrer gearbeitet hat. Forscher der Clemson University ordnen sie dem russischen Netzwerk Storm-1516 zu, das schon 2024 mutmaßlich mit gefälschten Videos im US-Wahlkampf aktiv war. Die Machart ist oft simpel. Für solche Akteure spielt das Kennzeichnungsthema keine Rolle: Sie bleiben anonym, ihre Inhalte werden über Unterstützernetzwerke verbreitet, und sie sind für Gesetze praktisch unerreichbar.
  3. KI-Einsatz bringt nicht automatisch den Sieg: Nicht alles, was ein viraler Hit wird, funktioniert auch: Der im Netz populäre republikanische Kandidat für den Bürgermeisterposten von Los Angeles, Spencer Pratt, kam bei der offenen Primary trotz massiven KI-Einsatzes, insbesondere durch Unterstützer, nur als Dritter durchs Ziel. Mancher Kandidat versucht auch, mit dem Gegenmodell zu punkten: Bei James Talarico findet sich im Schlussmoment seines Clips der Hinweis „Made by humans, not AI“.

Fazit: Die KI-Produkte in Wahlkampagnen in den USA werden begünstigt durch eine Regulierung, die die Komplexität politischer Kommunikation (reine Bildbearbeitung, der Einsatz von KI als bloßer „Stockfoto-Generator“ und die Frage, was „Satire“ und was „Deepfake“ ist) oft nicht abbildet und überdies in jedem Bundesstaat anders lautet.

Was heißt das für Europa? Das ist offen. Vorteil des EU AI Acts: teilweise klarere und einheitlichere Regelungen, Kennzeichnungspflicht für Deepfakes ist vorhanden. Aber auch hier gibt es Schwächen: Das KI-Label sagt zunächst nichts über die Täuschungsabsicht. Zuständig sind in Europa zudem nationale Aufsichtsbehörden, die vielerorts erst aufgebaut werden. Ob ein fehlendes Label mitten im Wahlkampf schnell genug geahndet wird, muss sich zeigen. Der Kampf gegen Desinformation aus dem Ausland ist schwer durchsetzbar. Und: Akteure von außen pfeifen auf Labels. Immerhin: Gegen Desinformation aus dem Ausland setzt die EU zudem auf den Digital Services Act, der große Plattformen verpflichtet, Wahlrisiken aktiv zu bekämpfen.

Die Herausforderung in Deutschland bleibt: Wie können wir KI-Nutzung als sinnvolles Tool für Storytelling, unterhaltsame Kommunikation oder politische Einordnung auch in Wahlkämpfen ermöglichen, aber gleichzeitig Täuschungen eindämmen? Nicht die Abwesenheit von Regularien, sondern gute Regularien müssen das Ziel sein. Auch das ist ein Fazit aus den US-Midterms.

Autor: Bernhard Kuttenhofer

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